Hintergrund

Klangreisen

Der Film vermeidet bewußt alles, was Evelyns musikalischen Alltag normalerweise ausmacht, die Konzerte mit den großen Orchestern der Welt. Stattdessen finden Klangreisen zu fremden oder bekannten Orten und kleine improvisierte Begegnungen mit anderen Musikern statt. Die Wahl der Drehorte war die Domäne von Thomas Riedelsheimer. „Wenn wir uns trafen, probierten wir immer etwas aus. Im Guggenheim Museum haben wir z.B. mit einem Instrument gedreht, das Evelyn selbst erfunden hat: einer Kupfervase mit wassergefüllten Röhren, die man mit einem Bogen streicht. Das schafft verzerrte Violinklänge, die an einen Walgesang erinnern und den Raum füllen, ohne laut zu sein. Das ist mir eingefallen, weil ich das Guggenheim-Museum immer als das ‚Innere des Ohres’ oder die ‚große Gebärmutter’ gesehen habe: Es ist ein großartiges Gebäude mit einer großen Metapher. Oder das Hochhausdach in New York, wo die Welt akustisch wirklich zusammenkam, eine bizarre Sinfonie aus Tauben, Bauarbeitern, entfernter Musik, Autos, Sirenen und vor allem Klimaanlagen.“

Der Umstand, dass Evelyn Glennie nach herkömmlichen Kriterien zu 80% taub ist, wird in Touch The Sound nur an einer Stelle erwähnt. „Ebenso wenig, wie ich einen Film über Musik drehen wollte, wollte ich einen über eine ‚erfolgreiche Behinderte’ machen“, sagt Thomas Riedelsheimer. „Die besondere Geschichte von Evelyn sollte einmal erwähnt werden, um ihre Art des Fühlens klarer und verständlicher zu machen. Ich wollte herausarbeiten, dass Töne und Klänge mehr sind als nur ‚hörbare’ Erfahrungen. Sie sind spürbar, sie schwingen in uns, sie beeinflussen und verändern uns. Natürlich ist ein Mensch, der Töne mehr fühlt als hört, in diesem Zusammenhang  besonders interessant.“

Zeitreisen

Die Dimension der Zeit spielte wie schon in Rivers And Tides eine besondere Rolle, „schon allein deshalb, weil die Dreharbeiten wieder ein ganzes Jahr in Anspruch genommen haben und sich dabei vieles verändert hat“, meint Riedelsheimer. “Zum Beispiel die Haarfarbe meiner Protagonistin, von blond über rot zu braun, am Ende gar zu schwarz... Die Faszination für die Zeit lässt mich nicht los. Rhythmus und Musik sind nur mit einem Zeitverständnis denkbar und erfahrbar. Musik ist Zeiterfahrung pur. Der richtige Zeitpunkt ist ja auch immens wichtig für Evelyns Arbeit: Manchmal nur eine kleine Bewegung, die aber zur richtigen Zeit, im richtigen Takt mit der Umwelt. Ich denke, das hat viel mit dem Gefühl der eigenen Verbundenheit mit seiner Umgebung, dem Raum, den Menschen zu tun, der Synchronisation und der Aufmerksamkeit.“

Neben der Bedeutung der Zeit sieht Riedelsheimer weitere Gemeinsamkeiten zwischen Rivers And Tides und seinem neuen Film. „Mir gefällt die Herausforderung eine ‚poetische’ Bildebene zu finden und optische Metaphern zu suchen. Auch meine Faszination für Wasser oder Spiegelungen als Ebene hinter der für real gehaltenen Welt zieht sich jetzt schon durch mehrere Filme, z.B. auch bei Metamorphosen. Und immer geht es mir um den Rhythmus des Filmes, zu versuchen einen sanften Sog zu erzeugen, der den Zuschauer auf ein sinnliche Erlebnisreise mitnimmt.“

Postproduktion

Die Dreharbeiten nahmen ein Jahr in Anspruch, Schnitt, Tonbearbeitung und die übrige Postproduktion dauerten ein weiteres Jahr. Aus der Fülle des Materials musste zunächst eine Auswahl getroffen und ein roter Faden gefunden werden. „Wie das genau vor sich geht, ist wirklich schwer zu erklären“, meint Thomas Riedelsheimer. „Wann und warum etwas am Schneidetisch zu funktionieren und ein Film zu werden beginnt, ist für mich immer noch Magie.“ Dem Schnitt folgte die aufwendige Bearbeitung und Gestaltung der Tonspur, wobei sich Riedelsheimer auf einen ausgezeichneten Originalton stützen konnte: „Wir haben in jeder Phase des Filmes extremen Wert auf den Ton gelegt – vielen Dank an alle beteiligten Tonleute, die wie das gesamte Team liebenswert, aufmerksam und immer voll bei der Sache waren. Speziell auf unseren Reisen war es erstaunlich, wie z.B. Marc von Stürler teilweise mit nur einem Mikrofon zwei Schlagzeugspieler oder eine Kodogruppe so genial aufnehmen konnte.“ In der Bildbearbeitung entschied man sich für das aufwendige Verfahren, das auf Super16mm-Film gedrehte Material auf HD abzutasten, zu bearbeiten und anschließend wieder in Kinoauflösung auf 35mm-Film zu transferieren.

Momentaufnahmen

Vergleicht man das Filmkonzept (siehe Director’s Note) mit dem fertigen Film, fällt auf, dass sich die ursprünglichen Ideen für den Zuschauer in ungewöhnlicher Prägnanz eingelöst haben. Ist der Film so geworden, wie der Regissseur es vorhatte? „Oh je, schwierige Frage,“ sagt Thomas Riedelsheimer. „Filme sind für mich Zustandsbeschreibungen. Nach Beendigung eines Filmes bin ich in einem anderen Zustand als bei Beginn des Projektes. Wenn ich mich dann zurücklehnen und denken würde: genau das wollte ich zeigen, das ist richtig gut! – dann hätte sich von der ersten Idee bis zum fertigen Film nichts getan, ich hätte nichts Neues erfahren, nichts dazu gelernt. Insofern ist Touch the Sound für mich richtig, so wie er ist, weil er auch meine Gedanken und meine Suche widerspiegelt. Einiges würde ich nach meiner heutigen Erkenntnis anders machen, so wie bei jedem Film bisher, auch bei Rivers and Tides. Filmen heißt für mich Erfahrungen sammeln.“

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the opposite of sound

“The opposite of sound… definitely isn’t silence. Well, there must be an opposite, actually … but what that is, I don’t know. I wonder whether it is something that is more static, something that you can take away with you … It’s the closest thing that I can imagine to death.” (Evelyn Glennie, Touch The Sound)